Ich weiß grad nicht, über welche Links ich auf diesen Artikel der SZ gestossen bin, aber beim Lesen dieses Schwachsinns überkam mich einfach nur spontanes Kopfschütteln. Ich war die letzten Tage inaktiv, was Schreiben angeht, irgendwie hat mir die Inspiration gefehlt, ich hab mehr andere Sachen gelesen. Naja, der Artikel hat mich nun doch wieder ein wenig animiert.

Dann wollen wir mal:

Erwartungen nicht erfüllt und weit abgeschlagen – Im internationalen Vergleich bleiben Deutschlands Weblogs hinter ihrem Potential zurück.

Ich weiß nicht, wie es den anderen (z.B. Roman Moeller, Alex, Fahrenheid oder Kirsten) geht, aber ich muss mich nicht mit irgendwelchen internationalen Blogs vergleichen, ich beherrsche als einzige Fremdsprache sowieso nur Englisch und würde irgendwelche spanischen, französischen, portugisischen usw Blogs sowieso nicht verstehen. Und das angesprochene Potential bezieht sich wahrscheinlich auf den sogenannten Bürgerjournalismus. Darauf mal bezugnehmend habe ich einige ausgezeichnete Artikel (um nur ein paar aktuelle Beispiele zu nennen) in meiner bisher kurzen Bloggerlaufbahn gelesen, sodass ich diese Aussage absolut nicht nachvollziehen kann.

Ein Einblick in geschlossene Gesellschaften und irrelevantes Geschwätz, das niemand liest.

Meint der Autor damit tatsächlich die deutschen Blogs oder eher die Artikel im Feulliton der SZ?

Artikel im SZ Feulliton

Eine junge Frau ruft bei ihrem Friseur an […] Nein, sagt sie, wir verwenden Schwarzkopf, kein W-LAN. Ende der Geschichte. Finden Sie weder interessant noch lustig?

Der angesprochene Artikel befindet sich bei Spreeblick, eines meiner Lieblingslektüren. Sicher gibt es auf den ersten Blick keinerlei politische Relevanz, aber ich finde, dass da auch etwas Kritik vorkommt, in Bezug auf Ideen bei Unternehmen. Ein Frisör mit W-Lan, das wär doch genial?

Gewiss, das ist nur ein Beispiel. Aber eines das zeigt, wo Weblogs einzuordnen sind. Knapp 100 der chronologisch geführten Netz-Tagebüchern prägen in Deutschland das Bild von Weblogs – eines der bekanntesten davon ist Spreeblick.

Natürlich ist das nur ein Beispiel, aber eine neutrale Berichterstattung verlangt auch Gegenbeispiele, Herr Boie, oder nicht? Ich persönlich finde es spannend, andere Meinungen zum politischen Tagesgeschehen zu lesen, und dieses Bedürfnis wird bei mir durch verschiedene Blogs erfüllt. Andererseits ist es auch mal ganz nett, Alltagsanekdoten von anderen zu lesen. Kennt zum Beispiel jemand die Geschichten vom Fahrrad Antoine? Wunderbare Lektüre.

Rund 100 000 weitere Weblogs sind bestenfalls öffentlich einsehbare und dennoch private geführte Tagebücher, denen jede gesellschaftliche Relevanz fehlt.

Und was ist daran auszusetzen? Ist doch allein Sache des Blogbetreibers, worüber er oder sie schreibt. Niemand hat gesagt, dass jeder Blogger die Welt verändern möchte.

Innerhalb eines geschlossenen Zirkels über Außenstehende zu lachen, ist natürlich nicht unbedingt schlimm. Wenn man allerdings vorhat, diesen abgeschlossenen Zirkel zu vergrößern, ist es nicht besonders klug.

Tut mir leid, aber ich sehe keinen geschlossenen Zirkel. Als ich hier vor ein paar Monaten angefangen habe, habe ich bisher nur wenige Blogger erlebt, die sich arrogant und verschlossen aufführen. Im Gegenteil hatte ich mit einigen Leuten hier bei WordPress schon einen netten Email-Wechsel. Und ich gehe nicht davon aus, dass das bei anderen Blog-Anbietern anders ist. Ich wette sogar, wenn irgendein Blog-Frischling eine ungerechtfertigte Abmahnung kassiert, dass eine ähnliche Solidaritätswelle in Erscheinung tritt wie beim Watchblog Islamophobie / Jochen Hoff oder bei der KallevomKiezSache (via Zappi).

Und doch ist Vergrößerung das erklärtes Ziel der deutschen Blog-Szene: Man will eine Alternative zu den etablierten Medien werden.

Wer sagt denn bitte sowas?! Ich persönlich habe weder die Zeit noch die Ausdauer dazu, eine etablierte Online-Zeitung hier rein zu stellen. Ich schreibe einfach nur, wenn mich etwas an einer Berichterstattung stört und auch nur, wenn ich grad Zeit und Lust dazu habe. Diese Freiheit nehme ich mir einfach. Neidisch, Herr Boie?

Großes Vorbild sind dabei die USA, wo Blogs in den letzten sieben, acht Jahren zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor der öffentlichen Meinungsbildung geworden sind. Schon vor zwei Jahren hat dort das renommierte Finanzmagazin Fortune acht Blogger „die man nicht ignorieren kann“ im Blatt vorgestellt.

USA-Vergleiche, USA-Vergleiche. Seit wann müssen Blogger untereinander konkurrieren? Wir sind hier nicht in der freien Wirtschaft und verdienen auch kein Geld mit unseren Blogs. Sicher ist es schön, wenn viele Leute meine Ergüsse lesen und noch schöner finde ich Feedback in Form von Kommentaren oder Emails, aber dadurch nehme ich doch niemandem die Leser weg. Im Gegenteil, durch Links zum Beispiel werden die Leser ja auch auf andere Seiten aufmerksam.

Citizen Journalism“ (Bürgerjournalismus) heißt das Stichwort, das auch in Deutschland zum Lieblingsvokabular selbsternannter Online-Visionäre gehört.

Lieblingsvokabular? Selbsternannte Online-Visionäre? Davon lese ich ehrlich gesagt zum ersten Mal durch ihren Artikel, Herr Boie.

Die typische Zielgruppe von Blogs – gebildet und medienkritisch – habe daher in den USA einen größeren Bedarf an unabhängigen Medien. Der Präsidentschaftswahlkampf 2004 und die amerikanische Intervention im Irak verstärkten das Bedürfnis der amerikanischen Bevölkerung nach neuen Informationsquellen.

Ich könnte hier ohne schlechtes Gewissen die Worte „USA“ durch „Deutschland“ sowie „Präsidentschaftswahlkampf“ durch „Wahlkampf in Deutschland“ ersetzen. Unabhängige grosse Zeitungen in Deutschland? Unabhängige Öffentlich-Rechtliche? Schöne Welt wäre das fürwahr. Es ist ein wenig ermüdend, über jede Nachricht kritisch nachzudenken, die man aus der Presse oder im Radio und TV erfährt.

Hinzu kommt, dass sich der Teil der deutsche Bloggerszene, der überhaupt wahrgenommen wird – intern spricht man stolz von „Blogosphäre“ – in dauerhaftem Clinch befindet. Jeder Schritt auf dem langen Weg der Professionalisierung wird kritisch beäugt

Oh, daher ständig diese Blutflecken in meinen Statistiken, ich wunderte mich schon…

Als der Betreiber des Weblogs Spreeblick, Johnny Haeusler, mit anderen Netzaktivisten die Plattform „adical“ zum Vertrieb von Werbung auf Blogs gründete, musste er sich teilweise wüste Kritik aus den eigenen Reihen gefallen lassen.

Gegen Kritik ist nichts einzuwenden, und der Vorfall mit Spreeblick wurde meines Erachtens auch gut diskutiert und gerechtfertigt.

Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz. (Zitat Jan Schmidt, Kommunikationswissenschaftler, Amn. d. R.)

Darum lohnt es sich auch nicht, einen längeren Artikel darüber zu verfassen. Stimmts?

Update 1: Hier die Antwort von Stefan Niggemeier, der im Artikel angesprochen wird.

Update 2: Hier nimmt der ebenfalls angesprochene Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt Stellung zu seinem aufgeführten Zitat und zu Blogs allgemein.

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