Tja gestern war das mal wieder soweit. Zweimal im Jahr fahre ich meine Eltern besuchen und nehme dafür immer wieder gern 8 Stunden mit einem Wochenendticket auf mich. Aber was ich gestern unterwegs so gesehen und erlebt habe, ist einen Eintrag wert finde ich. Fangen wir an:

5:30 Uhr, Hamburg: Am S-Bahn-Automaten das Wochenendticket gezogen und gleich darüber geärgert, dass das Ding nun 3 Euro mehr kostet. Zählt denn der Fahrplanausdruck ausm Internet auch als persönliche Beratung oder wurden die Preise schon wieder angehoben? Na gut, Ärger runtergeschluckt, hatte ja auch zu Hause schon meinen ersten Kaffee, alles prima.

5:45 Uhr, immer noch Hamburg: Noch eine halbe Stunde Zeit, bis mein Zug fährt. Da dachte ich mir, lauf doch mal ein bisschen durch den Hauptbahnhof und sieh zu, dass du noch an eine vernünftige Zeitung zum Lesen kommst. – Denkste, die Zeitungsgeschäfte machen erst gegen 6 auf, aber um diese Zeit fährt auch in etwa mein Zug. Die einzige Zeitung, die man um diese Uhrzeit bekommen kann, ist die allseits beliebte Bild-Zeitung und die Hamburger Morgenpost. Thanks, but no thanks!

6:15 Uhr, Hamburg: Endlich im Zug gesessen und versucht zu dösen. Wohlgemerkt: Versucht. Denn in Bergedorf stiegen dann 3 Teenagerjungsdinger ein, die unbedingt mein Abteil mit Rave-Musik zum Tanzen animieren wollten. Zum Glück stiegen die an der nächsten Station wieder aus. Ob das an dem Blick lag, mit dem ich den einen angesehen habe? Fahrkartenkontrolle kam dann auch bald, wenigstens hatte der Schaffner einen Kugelschreiber dabei, damit ich meinen Namen auch fein säuberlich ins Ticket schreiben konnte.

7:45 Uhr, Schwerin: Auf Schwerin freue ich mich immer. Hier bekommt man einen guten ordentlichen grossen wunderbaren einzigartigen koffeinhaltigen heissen Kaffee in der Bäckerei. (Ja ich mag den Kaffee hier wirklich sehr!) Ein Riesenbecher, den man auch mal ausnahmsweise als „grosser Kaffee“ bezeichnen darf. (Bestellt mal in Hamburg nen „grossen Kaffee zum Mitnehmen“, ha ha!) Halbe Stunde Aufenthalt, gemütlich den Kaffee getrunken und die anderen Reisenden beobachtet. Zug fuhr dann auch pünktlich ab. Nächste Station: Berlin.

10:30 Uhr, Berlin Hauptbahnhof, Regen. Dieser Bahnhof, ein unglaubliches Monstum von Einkaufszentrum und Bahnhof. Wenn man nicht gerade am unterirdischen Bahnsteig stur an die Wände starren möchte, bis der Anschlusszug kommt, kann man 2 Treppen nach oben rollen, um Tageslicht zu sehen. Dummerweise sehen für mich die beiden Ausgänge fast gleich aus, nur zu unterscheiden durch einen Bahninfostand am einen Ausgang und einem riesengrossen leeren Platz am anderen Ausgang (kommt mir jedenfalls so vor). Am Bahninfostandausgang kann man den Reichstag sehen und ausserdem sehr engagierte Stadtrundfahrtverkäufer. Wenn man den Blick gen Himmel richtet, sieht man eine riesengrosse Überdachung, die aber wohl nur Zierde ist, denn gegen den Nieselregen hat sie rein gar nichts genützt, auch wenn man weit drunter stand.

Im Bahnhof selber hat es auf 3 Etagen Läden. Ich wollte um die Zeit eigentlich nur ein Bierchen (eigentlich nicht meine Zeit für ein Bier, aber ich hatte 1 1/2 Stunden Aufenthalt, war ziemlich k.o. und ein gutes Buch in der Tasche). Also gut, dann mal ran an den Speck und alle drei Etagen nach einem Supermarkt abgeklappert. Fehlanzeige – dachte ich mir jedenfalls, aber in der Etage über den Bahngleisen wurde ich dann doch noch fündig, ziemlich versteckt in einer abgelegenen Ecke neben den (kostenpflichtigen) Toiletten. Dort gab es dann sogar ein Sixpack zum normalen Preis. So weit – so gut, aber immerhin musste ich dafür den ganzen Bahnhof abklappern. Warum gibts denn keine Infotafel? Die Wegbeschilderung zu den Gleisen an sich ist auch ein Witz, beim ersten Mal auf diesem Bahnhof hab ich mich zweimal verlaufen, und das ist für mich als Bahnveteran schon ein Kunststück.

Also dann, zurück zu meinem Gleis und dort auf eine Bank gesetzt. Eigentlich wollte ich mich ja oben in der Halle hinsetzen und ein bisschen Tageslicht bekommen, aber die Sitzmöglichkeiten dort kann man an maximal zwei Händen abzählen und sind chronisch überfüllt. Kaum hatte ich das Bier offen, kam auch schon ein Fussballfan an (ich glaube das war irgendso ein Ruhrpottverein, Duisburg oder so, die ich mit meiner Lübecker Mannschaft schon oft in Grund und Boden geschossen habe! Siehe auch hier, Kommentar #3 😉 ) und fragte mich, natürlich ganz uneigennützig, ob ich denn zufällig mit dem nächsten Zug nach Soundso fahre, worauf ich ganz ehrlich und höflich verneinte und demonstrativ meine Ohrstöpsel wieder in die Ohren steckte und meine Nase in mein Buch.

Der Rest der Wartezeit verlief ohne Zwischenfälle, den Toilettengang habe ich mir verkniffen, bis ich im Zug nach Falkenberg sass. Ich sehe nicht ein, dass ich auf so nem verkorksten Bahnhof auch noch Geld fürs Klo bezahlen soll. Ach ja, ein Gutes hat der Bahnhof – da gibts Fish’n’Chips, kann ich nur empfehlen, mit Knobisauce.

Irgendwann zwischen 12:30 und 13:30, irgendwo in Brandenburg zwischen Berlin und Falkenberg: Kiddies im Abteil, die sich über den sächsischen Dialekt des Lok-Führers lustig machten (Herr Gott, was ist denn schon dabei, wenn der Kerl sächsisch redet? Haben die in Brandenburg / Sachsen denn nen Bayern oder Schwaben erwartet?!) In Baden-Württemberg macht sich bestimmt keiner über die badischen Ausstiegshinweise lustig. Ach ja, immer wieder mal die Zeit gecheckt und mitbekommen, dass der Zug 10 Minuten Verspätung hat. Warum sagt der Schaffner denn nicht, dass sowas passiert ist? Es fahren schliesslich nicht alle Reisende mit einem detaillierten Fahrplan (für mich als Veteran ein Muss). Nun gut, immerhin fuhr der Anschlusszug in Falkenberg auch erst 10 Minuten später, daher hat alles noch gut geklappt und ich war dann um 14:20 Uhr auch endlich in meiner Heimatstadt Torgau angekommen. (Und immer noch 4 Bier ausm Sixpack unangebrochen, gestern Abend hab ich die dann mit meinem Vater gekillt).

Fazit: Geändert hat sich für mich kaum etwas bei der Bahn, abgesehen von den Fahrpreisen, was ich in dieser Hinsicht als Schweinerei ansehe: Immer noch der Gleiche schlechte Service, aber trotzdem mehr bezahlen, mit persönlicher Beratung sogar noch mehr. Immerhin scheint heute die Sonne und ich sitze mit Laptop auf dem Hof meiner Eltern und geniesse das Wetter. Adieu Hamburg, bis in einer Woche! 🙂

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